Räume des Zuhörens
Als Kind war es die Kommunikation der Erwachsenen, die mich irritierte. Ich spürte Spannungen, Missverständnisse und Verletzungen, lange bevor ich sie hätte benennen können. Vieles erschien mir widersprüchlich. Ich verstand nicht, warum Menschen, die einander liebten, so oft aneinander vorbeiredeten.
Bei den Tieren war dieses Gefühl anders. In ihrer Gegenwart fand ich etwas, das ich damals noch nicht in Worte fassen konnte: eine Form unmittelbarer Verbindung. Rückblickend würde ich sagen, dass ich dort zum ersten Mal erfahren habe, wie sich echtes Zuhören anfühlen kann:
Nicht Sprache.
Sondern Gegenwart.
Nicht Erklärung.
Sondern Verbindung.Später wurde Kommunikation zum Gegenstand meines Studiums der Soziologie und schließlich meiner Dissertation. Mein Blick verschob sich von der Frage, wie Menschen miteinander reden, hin zu der grundsätzlicheren Frage, was Kommunikation überhaupt ist. Ich begann, Kommunikation nicht mehr nur als Austausch zwischen Menschen zu verstehen, sondern als Grundform sozialer Prozesse. Beziehung konzipierte ich als soziale Form der Kommunikation und Person als Form der Kommunikation innerhalb dieser sozialen Form der Beziehung.
Die Begegnungen mit der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg und der Achtsamkeitspraxis sowie dem tiefen Zuhören nach Thích Nhất Hạnh haben meinen Blick auf Miteinander und Verständigung weiter verändert.
Mit der gewaltfreien Kommunikation stand nicht mehr die Frage im Vordergrund, was Kommunikation und Beziehungen sind, sondern wie sie gelingen können. Das empathische Zuhören sowie die Aufmerksamkeit für Gefühle und Bedürfnisse eröffneten mir einen neuen Zugang, menschliches Miteinander zu verstehen.
In der Achtsamkeitspraxis Thích Nhất Hạnhs begegnete mir die innere Ruhe, die Stille: Nicht urteilen, nicht reagieren. Es geht nicht darum, die Kommunikation zu verändern, sondern es geht um das eigene Sein.
Erst in meinem täglichen achtsamen Miteinander mit meinen Tieren und durch die Trust Technique® begann ich zu verstehen, dass Zuhören noch etwas anderes sein kann:
Nicht nur eine Form der Aufmerksamkeit.
Nicht nur eine Haltung der Empathie.
Nicht nur eine Qualität des Seins,
sondern eine Form des Miteinanders.Ich begann zu erfahren, wie es sich anfühlt, einem anderen Lebewesen aus einer inneren Ruhe heraus zuzuhören und seinen Gefühlsäußerungen mit Achtsamkeit und Akzeptanz zu begegnen – ihm zu erlauben, so zu sein, wie es ist, so lange, wie es das braucht.
Die Trust Technique® nennt diese Form des Miteinanders Mindful Regard.
Zuhören ist dann gar kein Tun, sondern ein Sein:
In mir stiller Frieden
ein offener Raum
ich lausche hinein
nicht suchen nach der vertrauten Form
nicht finden, was ich schon weiß
des Verborgenen gewahr werden
sich überraschen lassen vom Unbekannten
eine andere Wirklichkeit (mit)erleben
das Leben mit dem Herzen spüren(Brigitta Maria Lökenhoff, 2017)
Dann beginnt Zuhören gar nicht beim anderen, sondern bei der emotionalen Qualität unserer eigenen Gegenwart.
Erst dadurch entsteht ein Raum, in dem Begegnung möglich wird.