Mindful Regard – oder einfach Liebe
Über bedingungslose Zuwendung, Absichtslosigkeit und den Raum, in dem Veränderung geschehen darf
Als ich meinen Weg mit der Trust Technique® begonnen habe, hätte ich eine der für mich wertvollsten Erfahrungen dieser Arbeit nicht erwartet.
Ich begegne so viel Liebe.
Menschen erzählen mir von ihren Tieren. Von dem, was sie miteinander verbindet, von ihren Sorgen und manchmal auch von Situationen, in denen sie nicht weiterwissen. Und immer wieder werde ich dabei Zeugin der tiefen Liebe, die Menschen für ihre Tiere empfinden.
Das hat meinen Blick verändert.
Denn natürlich gibt es auch Situationen, in denen ich eine Strategie im Umgang mit einem Tier vielleicht nicht für besonders hilfreich halte oder selbst einen anderen Weg wählen würde. Aber je mehr ich die Liebe wahrnehme, die hinter dem Handeln eines Menschen steht, desto milder wird mein Blick auf das, was er tut. Es entsteht mehr Offenheit – für den Menschen ebenso wie für das Tier.
Auch die Trust Technique® beschreibt diese Spannung. Zwischen der Liebe, die Menschen für ihre Tiere empfinden, und der Art, wie sie in schwierigen Situationen reagieren, kann eine Lücke entstehen. Sorge, Frustration oder Hilflosigkeit können unser Handeln bestimmen und die Liebe für unser Tier manchmal sogar unter sich begraben.
Gerade deshalb kann es so wertvoll sein, einen Raum zu schaffen, in dem wir zunächst einmal nicht handeln müssen.
Eine Tür zur Liebe
Eine Erfahrung aus einer meiner Consultations hat mich besonders berührt.
Die Frau, mit der ich arbeitete, hatte eine innige Beziehung zu ihrem Pferd. Während unseres Gesprächs erzählte sie mir dann, dass sie zuvor ein anderes Pferd gehabt hatte – ihr Herzenspferd –, das durch einen tragischen Unfall ums Leben gekommen war.
Für dieses Pferd hatte sie eine tiefe Liebe empfunden. Und obwohl ihr auch ihr jetziges Pferd sehr nahestand, hatte sie das Gefühl, ihr Herz für dieses Pferd nie ganz öffnen zu können.
Einige Zeit nach unserer Consultation erzählte sie mir in unserem Follow-up-Gespräch, dass sich etwas verändert habe. Die Liebe zu ihrem Pferd sei jetzt da. Es sei, als hätte sich ein Knoten gelöst.
Diese Rückmeldung hat mich tief berührt. Denn Liebe war weder Aufgabe noch Ziel unserer Consultation – und dennoch wurde sie zu ihrem vielleicht kostbarsten Ergebnis.
Und sie lässt mich darüber nachdenken, was eigentlich geschieht, wenn wir Mindful Regard praktizieren.
Was tun wir eigentlich, wenn wir Mindful Regard praktizieren?
Mindful Regard ist ein zentraler Bestandteil der Trust Technique®. Das englische regard lässt sich nicht ganz eindeutig ins Deutsche übertragen. Es enthält Aufmerksamkeit und Beachtung, aber auch Achtung und Wertschätzung.
In der Trust Technique® wird Mindful Regard als ein Arbeiten im Tempo des Tieres und in einem Zustand des Zuhörens beschrieben.
Wir wenden uns dem Tier aus einer Haltung innerer Ruhe und Absichtslosigkeit heraus zu. Wir werden stiller und kehren mit unserer Aufmerksamkeit immer wieder ins Hier und Jetzt zurück.
Wir beobachten.
Wir hören zu.
Wir nehmen wahr, was das Tier uns zeigt – seinen Gesichtsausdruck, seine Augen und Ohren, seine Atmung, Bewegungen und Spannungen, manchmal sehr kleine Veränderungen. Und wir nehmen zugleich wahr, was diese Begegnung in uns selbst auslöst.
Aber Mindful Regard ist mehr als genaue Beobachtung.
Entscheidend ist für mich die Haltung, mit der wir wahrnehmen.
Wir versuchen nicht, das, was wir sehen, zu verändern. Wir bewerten es nicht als richtig oder falsch. Wir lassen zu, dass das Tier uns zeigt, was es in diesem Augenblick davon abhält, zur Ruhe zu kommen. Das Tier bestimmt den Takt und die Intensität unserer Arbeit.
Wenn ein Tier Angst zeigt, darf die Angst zunächst da sein.
Wenn es aufgeregt ist, darf die Aufregung da sein.
Wenn es etwas schwierig findet, müssen wir ihm nicht erklären, dass es keinen Grund dafür gibt.
Wir nehmen ernst, was für dieses Tier in diesem Moment wirklich ist.
Das Tier darf sein, wie es ist.
In meinem Journalbeitrag Räume des Zuhörens habe ich diesen Gedanken schon einmal anders formuliert – einem anderen Lebewesen aus innerer Ruhe zu begegnen und ihm zu erlauben, so zu sein, wie es ist – so lange, wie es das braucht.
Zuhören ist dann weniger ein Tun als ein Sein.
Die Paradoxie der Absichtslosigkeit
Und genau hier begegnet Mindful Regard einem Grundgedanken der Achtsamkeit, der mir zunehmend wichtig geworden ist.
Jon Kabat-Zinn nennt ihn non-striving – Nicht-Streben oder Absichtslosigkeit.
Das ist zunächst eine merkwürdige Vorstellung. Wir sind gewohnt, etwas zu tun, um etwas zu erreichen. Wenn etwas schwierig ist, möchten wir es verbessern.
Natürlich kann sich auch durch die Trust Technique® etwas verändern.
Und somit liegt im Mindful Regard etwas geradezu Paradoxes.
Die Akzeptanz darf nicht zum Instrument der Veränderung werden.
Ich akzeptiere deine Angst nicht, damit du anschließend keine Angst mehr hast.
Ich akzeptiere dich nicht, damit du dich veränderst.
Ich akzeptiere dich – auch wenn du dich nicht veränderst.
Denn sonst wäre meine Akzeptanz an eine Bedingung geknüpft.
Diese Paradoxie lässt sich auch so formulieren.
Veränderung wird möglich, indem Veränderung nicht mehr die Bedingung der Begegnung ist.
Etwas kann sich verändern, sogar sehr viel – wenn wir es schaffen, der Veränderung den Raum zu lassen, den sie braucht, um sich zu entfalten.
Bedingungslos und absichtslos
Möglicherweise ist es genau diese Erfahrung, die mich beim Mindful Regard immer häufiger an Liebe denken lässt.
Nicht an Liebe im Sinne eines romantischen Gefühls, sondern als bedingungslose Zuwendung und als Erleben von Verbundenheit.
Bedingungslos
Du musst nicht anders sein, damit ich dir liebevoll begegne.
Absichtslos
Ich begegne dir nicht liebevoll, damit du anders wirst.
In diesem Sinne könnte Mindful Regard selbst Ausdruck einer bedingungslosen und absichtslosen Form von Liebe sein – und zugleich einen Raum schaffen, in dem sie sich ereignen kann.
Durch die Consultations lerne ich, die Menschen, die mir mit ihren Tieren begegnen, ein wenig mehr so anzuschauen, wie wir im Mindful Regard die Tiere anschauen – nicht zuerst mit der Frage, was anders sein sollte, sondern mit der Bereitschaft wahrzunehmen, was da ist.
Und was ich dabei immer wieder entdecke, ist
einfach so viel Liebe.
Liebe, die längst da war. Liebe, die lange keinen Ausdruck gefunden hat. Liebe, die sich wieder zeigen darf.
Das ist für mich eines der schönsten Geschenke des Mindful Regard. Wir müssen nichts herstellen. Wir werden still, nehmen wahr, lassen sein – und lassen zu, dass sich vielleicht sogar Liebe zeigt.