Begegnungen als Spiegel
Recognize that the other person is you.*
Erkenne, die andere Person bist du.
Dieses Sutra aus dem Kundalini Yoga beschreibt eine Erfahrung, die ich aus vielen Begegnungen mit Menschen und Tieren kenne: Gerade diejenigen, die mich besonders beschäftigen, erzählen spannende Geschichten – wenn ich mir die Zeit nehme, meinem inneren Erleben offen zu begegnen.
Im Alltag richtet sich unsere Aufmerksamkeit meist nach außen. Wir beobachten das Verhalten anderer Menschen, ihre Worte und ihre Reaktionen.
Das Sutra lenkt den Blick auf uns selbst.
Was berührt mich an dieser Begegnung?
Warum löst gerade dieser Mensch oder dieses Tier etwas in mir aus?
Von den vielen Begegnungen unseres Alltags beschäftigen uns vor allem diejenigen, für die wir eine innere Resonanz haben. Sie bringen eine emotionale Saite in uns zum Klingen. Sie erinnern uns an frühere Erfahrungen, an vertraute Gefühle oder an Überzeugungen, die wir über uns selbst und die Welt entwickelt haben.
In diesem Sinn können Begegnungen zum Spiegel werden.
Die Beobachtertheorie formuliert einen ähnlichen Gedanken: Wir nehmen die Welt nicht einfach wahr. Wir konstruieren sie in unserer Wahrnehmung. Das gilt auch für unser Bild von anderen Menschen.
Unser Bild vom anderen erzählt deshalb zunächst etwas über uns selbst.
Nicht über den anderen.
Dahin zu schauen und in uns hineinzuspüren kann spannend sein. Es lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das, was in uns geschieht – und kann einen Prozess anstoßen, in dem wir etwas Neues über uns selbst entdecken. Vielleicht verändert sich nicht unser Gegenüber. Wohl aber die Art, wie wir uns selbst begegnen. Und manchmal entstehen genau dort mehr Akzeptanz, mehr Verständnis und vielleicht sogar ein liebevolles Schmunzeln.
*Dieses Sutra stammt nicht aus den klassischen Yoga-Sutren des Patañjali, sondern aus der Tradition des Kundalini Yoga nach Yogi Bhajan und gehört zu den fünf Sutren des Wassermannzeitalters.